Augsburgs kleine Geheimnisse: Zeichen, Symbole und Geheimnisse der Stadt

Augsburgs kleine Geheimnisse: Zeichen, Symbole und Geheimnisse der Stadt

Warum ein Pinienzapfen zum Wahrzeichen Augsburgs wurde

Um die Zirbelnuss und ihre Bedeutung als Symbol der Stadt Augsburg ranken sich zahlreiche lokale Überlieferungen und Erzählungen. Seit Jahrhunderten streiten Gelehrte darüber, woher dieses Zeichen eigentlich stammt und wie es zum Wappenzeichen Augsburgs werden konnte.

Eigentlich schien mir dieser Artikel ganz einfach zu werden: Augsburg, Pinienzapfen, Römer, Grabstein – fertig 😉

Aber so einfach ist es nicht. Schauen wir einmal genauer hin!

Die Geschichte der Augsburger Zirbelnuss ist voller Brüche, Deutungen und vielleicht auch Missverständnisse. Ein Rätsel, das sich bis heute nicht endgültig lösen lässt. Vielleicht habt ihr eine gute Idee? Dann erzählt sie uns!

Die Zirbelnuss und die Römer

Die Zirbelnuss ist heute eines der bekanntesten Symbole Augsburgs und Bestandteil des Stadtwappens. Unter einer Zirbelnuss versteht man dabei den Zapfen einer Zirbelkiefer – oder einer Pinie.

geschlossener Pinienzapfen

Tatsächlich kennt man aus der römischen Kaiserzeit zahlreiche Grabdenkmäler, deren oberer Abschluss von einer Bekrönung in Form eines Pinienzapfens gebildet wurde. Häufig stand dieser Zapfen auf einem kapitelähnlichen Sockel. Auch im Gebiet des römischen Augsburgs wurden mehrere solcher Grabmalaufsätze gefunden.

Pinienzapfen eines Grabdenkmals aus dem 2./3. Jahrhundert nach Chr.; heute im Römischen Museum

Dieser Pinienzapfen aus Jurakalkstein gilt heute als unmittelbares Vorbild des seit dem späten Mittelalter verwendeten Augsburger Stadtzeichens. Er wurde im 15. oder 16. Jahrhundert gefunden; sein Sockel wurde vermutlich im 16. Jahrhundert umgearbeitet.

Bei genauer Betrachtung lassen sich zwischen den Voluten des Sockels mit etwas Fantasie die Züge eines weiblichen Kopfes erkennen. Darüber befindet sich ein stilisierter Turm einer Stadtbefestigung mit Tor und zwei Fenstern. Damit war eigentlich schon alles vorhanden, was später Anlass zu gelehrten Diskussionen und neuen Sagen geben sollte.

Aber das ursprüngliche Augsburger Wappen sah anders aus

In früheren Augsburger Urkunden war jedoch von einem Pinienzapfen noch keine Rede:  Das älteste bekannte Augsburger Wappen aus dem Jahr 1237 zeigt vielmehr eine Form, die als Baum oder als auf einem Stiel stehende Weintraube gedeutet werden kann.

Das Stadtsiegel zeigt ein offenes Stadttor mit zwei Zinnentürmen. Darüber befinden sich ein Stern als Zeichen des bischöflichen Stadtherrn sowie ein Baum beziehungsweise eine Traube.

Auch das Augsburger Stadtsiegel von 1260 ist von einem Pinienzapfen noch weit entfernt. Es zeigt deutlich eine Traubendolde, die in den Quellen als „Stadtber“ oder „Per“ bezeichnet wird. Das Augsburger Stadtzeichen wurde also ursprünglich keineswegs als Pinienzapfen verstanden.

Ebenso zeigt die „Wilde-Männer-Tafel“ aus der Zeit um 1450 noch eine Beere oder Traube. Sie war einst am Alten Rathaus angebracht und befindet sich heute an der Rückseite unseres „neuen“ Rathauses.

Wilde-Männer-Tafel, Rathaus, aus der Zeit um 1450

Die Wiederentdeckung der Antike

Erst ab Mitte des 15. Jahrhunderts gewannen die römischen Funde und der Pinienzapfen für die Augsburger eine Bedeutung.  Bei Bauarbeiten und Grabungen kamen immer mehr Steine ans Licht, die man der römischen Vergangenheit der Stadt zuschrieb. Darunter befanden sich Kapitelle, Architekturfragmente und in einigen Fällen auch Grabstelen mit ihren charakteristischen Bekrönungen in Form von Pinienzapfen. Nun begann man, diese Funde mit dem Augsburger Stadtzeichen in Verbindung zu bringen. Der „Stadtber“ oder „Pyr“ wurde zunehmend als Pinienzapfen verstanden.

Allmählich setzte sich die Vorstellung durch, die zahlreichen aufgefundenen Pinienzapfen seien bereits in der Zeit der römischen Provinzhauptstadt ein offizielles Stadtsymbol gewesen. Für die Ratsherren der Reichsstadt war diese Deutung durchaus attraktiv. Sie schien zu beweisen, dass Augsburgs Selbstverständnis und seine Bedeutung unmittelbar auf die glanzvolle Römerzeit zurückgeführt werden konnten.

Doch genau hier beginnt die Diskussion: Lässt sich das Augsburger Stadtwappen tatsächlich in einer direkten Linie auf römische Vorbilder zurückführen? Oder entstanden diese Verbindungen erst später – aus der Begeisterung für die wiederentdeckte Antike und aus dem Wunsch, die eigene Stadtgeschichte möglichst weit in die Vergangenheit zurückzuführen?

Einen entscheidenden Impuls erhielt diese Entwicklung durch einen weiteren Fund im Jahr 1467. Beim Bau der Ulrichskirche entdeckte man den Abschlussstein eines römischen Pfeilergrabmals. Er zeigte einen Pinienzapfen (heute leider nicht mehr zuzuordnen) auf einem darunterliegenden Kapitell. In diesem Kapitell befand sich ein Frauenkopf.

Schon früh wurde dieser Kopf als Darstellung der Göttin Kybele oder Cybele gedeutet. Der Pinienzapfen erschien nun als Frucht eines Baumes, der dieser Göttin geweiht gewesen sein sollte. Diese Interpretation hatte Folgen für das Stadtwappen.

Ab 1544 wurde das Augsburger Stadtzeichen zunehmend als Zirbelnuss auf einem Kapitell dargestellt. Der weibliche Kopf mit seiner Mauerkrone setzte sich allerdings nicht dauerhaft als Bestandteil des Wappens durch.

Der entscheidende Wandel vom mittelalterlichen „Stadtber“ zur antik anmutenden Zirbelnuss vollzog sich damit im Laufe des antikenbegeisterten 16. Jahrhunderts.

Vom „Stadtber“ zur Zirbelnuss

Das eigentlich Erstaunliche daran ist, dass das Wappen bis dahin offenbar meist gar nicht als Zirbelnuss oder Pinienzapfen verstanden worden war. Es wurde vielmehr als „Stadtber“ oder einfach „Ber“ bezeichnet – also als Bild einer Beere oder einer Weintraube.

Man darf deshalb durchaus daran zweifeln, dass zwischen den römischen Pinienzapfen und der ursprünglichen Entstehung des Augsburger Stadtwappens ein direkter Zusammenhang bestand.

Noch eine Theorie: die Nuss eines Harzbaums

Der Augsburger Humanist Markus Welser, der auch Bürgermeister und Stadtpfleger war, brachte 1595 in seiner Stadtchronik eine weitere Erklärung ins Spiel.

Er glaubte, das Stadtzeichen stelle die „Nuß von einem Hartzbaum“ dar. In römischer Zeit sei die Umgebung Augsburgs besonders reich an Nadelbäumen gewesen. Die Nuss eines solchen Baumes könne daher ganz ohne Zusammenhang mit einem römischen Grabdenkmal oder gar einem heidnischen Götterkult zum Symbol von Augusta Vindelicorum und vielleicht sogar von Rätien geworden sein.

Auch diese Theorie hält einer heutigen wissenschaftlichen Überprüfung allerdings kaum stand. Ebenso wenig die gelegentlich wiederholte Behauptung, die Zirbelnuss sei einst das Feldzeichen einer römischen Legion gewesen.

Ein Symbol mit einer langen Geschichte – aber keiner geraden Linie

Die Vorstellung, dass die Augsburger Zirbelnuss als Stadtzeichen unmittelbar aus der Römerzeit überliefert worden sei, gilt wissenschaftlich heute als äußerst unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eine kompliziertere Geschichte.

Das mittelalterliche Augsburger Stadtzeichen wurde zunächst offenbar als Beere oder Traube verstanden. Erst im Zuge der Wiederentdeckung und Begeisterung für die römische Vergangenheit Augsburgs verband man es zunehmend mit den zahlreichen antiken Pinienzapfen, die im Stadtgebiet gefunden worden waren.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts entstand daraus schließlich die Deutung, die bis heute unser Bild prägt: die Zirbelnuss als Zeichen Augsburgs. Die Augsburger Zirbelnuss ist also vermutlich kein direkt aus der Römerzeit überliefertes Stadtsymbol. Sie ist vielmehr das Ergebnis einer jahrhundertelangen Geschichte von Funden, Deutungen, Antikenbegeisterung und städtischem Selbstverständnis.

Und vielleicht macht gerade das die Geschichte so spannend.

Wenn ihr mehr dazu wisst und Anregungen habt, schreibt mir bitte. Und wenn euch diese Geschichte gefallen hat, dann kommt gerne wieder!